Schreibtipps: Tutorial #1 - Konstruktion von Charakteren



Hallo liebe Community,

lange ist es her, seit ich das letzte Mal kleinere Schreibworkshops gehalten habe.  Nach vielen Jahren als Nachhilfelehrerin habe ich einige Tipps für Schüler zusammengestellt, die wichtig werden, wenn man ab der fünften Klasse dazu aufgefordert wird, eigenständig Texte zu verfassen. Diese Techniken und Tipps bleiben immer relevant, solange man Texte verfasst und werden mit der Zeit höchstens etwas komplexer.
Als ich begonnen habe, an meinem eigenen Buch zu arbeiten, habe ich zudem nach für mich hilfreichen Tipps gesucht. All dieses Wissen werde ich möglichst in einer Reihe von Blogbeiträgen zusammentragen und dabei Stellung beziehen, was sich für mich bewährt hat.

Natürlich ist all das, was ich empfehle, keine Patentlösung und ich habe bisher noch nichts veröffentlicht, doch nach zehn Jahren des Dasein als Autorin, dürften meine Erfahrungen hilfreich sein, auch wenn ich für unorthodoxes Vorgehen bekannt bin^^

Meinen ersten Beitrag dazu widme ich der Charakterkonstruktion. 

An erster Stelle in einem Roman stehen für mich immer die Charaktere. Die Geschichte um sie herum entsteht im Laufe der Zeit durch die Entsprechende Konstellation, doch die zentralen Konflikte lassen sich ohne ein Profil der Figuren nicht generieren. Das ist bspw. bei Krimis anders - dort ist der Ausgangspunkt der Fall. Entsprechend sind meine Schreibtipps natürlich nicht universell für alle Genres gültig!


Doch wie erschafft man nun interessante Charaktere?




#1 Dreidimensionale Figuren

In manchen Ratgebern wird eine dreidimensionale Konstruktion beschrieben:

1. prägnantes Äußeres
2. psychologisches Profil
3. soziales Profil

Anders gesagt, sollte man beschreiben, wie die Figuren aussehen, wie sich ihre Persönlichkeit manifestiert und welche Personen sie umgeben. Diesen Tipp kann ich so vertreten, wobei man ihn meist unbewusst anwendet.

Dabei spielen auf der ersten Dimension beispielsweise die Kleidung, die Haar-und Augenfarbe etc. eine Rolle. Auf der zweiten Dimension wären das die Charaktereigenschaften und auf der dritten Dimension wären es Freunde, Familie, Bekanntenkreis. Auch Fakten wie Beruf und äußere Umstände dürfen nicht fehlen. Ob man die Ohr- und Nasenform der Figuren beschreibt, ist Geschmackssache. Es kommt darauf an, ob man dem Leser ein konkretes Bild bieten möchte oder ob er Raum haben soll, seine Phantasie einzusetzen. 

An dieser Stelle wird gerne gefragt, in welcher Reihenfolge man diese Dimensionen abdecken soll. Dafür gibt es - wie praktisch immer - keine Richtlinien. Eben das Fehlen von Richtlinien ist ja das Tolle am Dasein als Autor. Man kann es machen, wie man will. 

Dennoch habe ich hierzu ein in meinen Augen sinnvolles Vorgehen.
Stellen wir uns folgendes Szenario vor:

"Du sitzt in einem leeren Wartezimmer. Plötzlich betritt jemand diesen Raum. Wie beschreibst du diese Person?"


 Die Antwort lautet: Kommt drauf an.

Vielleicht hörst du, wie die Tür sich öffnet, dein Blick richtet sich auf die Tür und du siehst die Person den Raum betreten. Zuerst siehst du die auf der ersten Dimension verorteten Eigenschaft (prägnantes Äußeres). Das wäre das Geschlecht, die Haarfarbe usw. Danach fallen dir vielleicht bestimmte Eigenschaften auf (psychologisches Profil). Diese lassen sich am Auftreten und dem Verhalten der Person erkennen. So könntest du beschreiben, ob die Person gepflegt ist, ob die Person eine selbstsichere Körperhaltung hat oder welche Zeitschrift sie aufschlägt. Die Person könnte dich grüßen - und damit ein höfliches Verhalten zeigen - oder nervös durch den Raum schreiten - und damit auf ihr emotionales Befinden schließen lassen. Schließlich könnte ihr Telefon klingeln. Das Gespräch würde beschreiben, welche Personen diesen Charakter umgeben (soziales Profil). Damit sind Aussagen gemeint wie: "Hey, Schatz!" oder "Ja Mama, ich habe vor Stunden den Abwasch gemacht." oder "Als ich das Zimmer verließ, war der Patient noch stabil." Es kann auch einfach zu einer Konversation kommen, in der dir diese Person ihre Lebensgeschichte erzählt.

Ich würde die Reihenfolge der Dimensionen also davon abhängig machen, welche Dimensionen wann zur Geltung kommen. Meistens sieht man eine Person (und weiß somit zu beschreiben, wie sie aussieht), dann beobachtet man diese Person (weiß dadurch auf ihre Eigenschaften zu schließen) und lernt dann ihr Umfeld kennen.

So muss es aber nicht laufen!

Es kann auch sein, dass du in Gedanken versunken die Person gar nicht bemerkst und erst erkennst, dass du nicht allein bist, wenn sie dich grüßt. So wirst du erst eine Facette des psychologischen Profils (die Person ist höflich) und dann das Aussehen bemerken.
Es kann auch sein, dass die Tür offen steht und du hörst, wie die Person durch den Gang schreitet, während sie mit jemandem spricht. So wirst du Informationen über das soziale Umfeld gewinnen, bevor du weißt, wie sie aussieht. 

Um es am Beispiel von Verfall zu beschreiben (siehe Leseprobe), beginne ich bei Hanna erst mit ihrem psychologischen Profil, ihrer Situation und ihren Gedanken. Als sie in den Spiegel schaut, beschreibe ich, wie sie aussieht (erste Dimension) und dann führe ich über mehrere Kapitel langsam das soziale Umfeld ein. Personen, denen sie begegnet (siehe Sonja) führe ich meistens ein, indem ich beschreibe, wie sie aussehen und dann beschreibe, wie sie sich verhalten. 

Natürlich kann man auch alle drei Dimensionen in einen Satz packen und abwechseld berichten. Es gibt ja keine Vorgaben :)


 
#2 Authentizität


aa) Die Figuren und ihre Besonderheiten

Manch ein Tutorial wird dir prädigen, dass deine Figuren etwas ganz Besonderes an sich haben müssen. Sie sollten eine ganz besondere Persönlichkeit oder Vergangenheit haben. Ich denke aber, dass es sich hier nur um eine Seite der Medaille handelt. Es ist nur ein Tipp und keine Regel. Leider läuft man als Anfänger aber Gefahr, jeden Tipp wie ein Gebot zu befolgen. Das ist aber überhaupt nicht nötig.

Natürlich finden wir besondere Figuren spannend. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass wir selbst oftmals nicht viel Besonderes an uns selbst finden. Eben deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass eine Figur, die in jeder Hinsicht dem Durchschnitt entspricht, ebenfalls interessant erscheint. Habt ihr mal die Beobachtung gemacht, dass in vielen Animes die Hauptfiguren sich zu klein vorkommen wie Yugi von (Yu-Gi-Oh) oder Ed von Fullmetal Alchemist? Das liegt daran, dass sich die meisten Jungs als Teenager zu klein fühlen und hoffen zu wachsen. Die Mädels haben ja ihren Wachstumsschub etwas früher. Deswegen fürchten viele Jungs, die Mädchen nicht einzuholen und diese Sorge wird ganz bewusst in solchen Serien/Filmen/Büchern/Mangas aufgegriffen - damit sich die Leser/Zuschauer mit den Figuren identifizieren können. Auch wenn man Boy- oder Girlbands betrachtet, fällt oft auf, dass die Mitglieder sich optisch stark unterscheiden. Selten wird es so gewesen sein, dass diese Bands in ihrer Jugend zusammenfinden und auf die Idee kommen, gemeinsam Musik zu machen. Die Konstellationen sind sicherlich meistens bewusst von den Managern inszeniert, damit a) die Fans jemanden haben, mit dem sie sich identifizieren können und b) damit die Fans mit einer hohen Wahrscheinlichkeit jemanden davon attraktiv finden. In jedem Falle kann Identifikation aber ein sehr wichtiger Faktor sein.

Ganz schön verwirrend, nicht? Der Leser soll den Charakter für etwas ganz Besonderes halten und zugleich soll er sich mit dem Charakter identifizieren? Tatsächlich sollte beides in gewisser Weise da sein. Man sollte die Figur zumindest in ihrem Handeln verstehen können, also sollte die Figur Erfahrungen machen, die wir alle kennen, ihre Gedanken und Gefühle sollten nachvollziehbar sein.

Aber zurück zur Besonderheit!
Die Medien sind übersättigt mit Superhelden, Detektiven und Gerichtsmedizinern. Wieso zur Abwechslung also nicht ein gewöhnlicher Bürger? Wie gesagt, Tipps hin oder her. Irgendwann ist die Superhelden-, Werwolf-, Vampir- und Gladiatorennummer ausgepresst. Wer heutzutage über ganz gewöhnliche Personen schreibt, ist also möglicherweise der ganz besondere Autor. Zumindest ist es einen Versuch wert, wenn das Bedürfnis da ist.

Wichtig ist nur, dass die Figur authentisch wirkt. Ihre Handlungen sollen nachvollziehbar sein und manchmal dennoch überraschend. Deine Figuren sollten sich entwickeln und interessante Ereignisse erleben. Dafür müssen sie aber nichts Besonderes sein. Ich denke nämlich, dass aus dem „Zwang“, etwas Besonderes zu schreiben, verkrampfte Versuche resultieren, die letztlich zu an den Haaren herbeigezogenen, verwirrenden Eigenschaften führen. Wenn du eine ausgefallene Idee hast, dann verwirkliche sie, aber fühle dich nicht dazu gezwungen, unbedingt etwas, was noch nie jemand gelesen hat, aus dem Ärmel zu zaubern.


b) Syntaktische Signatur
 
Man erkennt unseren Bildungsstand, unser emotionales Befinden oder unsere Motive an unserer Ausdrucksweise. So hat beispielsweise Hanna in Verfall die Eigenschaft, die Sprache als Mittel zur Aufrechterhaltung von Distanz zu verwenden. So, wie sie am Anfang redet (siehe Leseproben), redet nämlich kein Mensch auf Dauer. Sie aber versucht damit, Sonja, die wenig gebildet ist, zu verwirren, um sie sich vom Leib zu halten. Bei ihrem Stiefvater, mit dem sie sich gut versteht, ist ihre Sprache völlig anders. Trotzdem bleibt ihr Sprachstil immer gehoben, was ihrer Bildung und ihrem Stiefvater, der ein Richter ist, geschuldet ist. Sonja hingegen spricht fehlerbehaftet und sehr platt. Ihre Sätze sind kurz, ihre Worte sind geladen mit Emotionen. 

Ein gutes Beispiel aus der bekannten Literatur stellt für mich Woyzeck dar. Büchner hat dort versucht, die Sprache oder "den Slang" der "Unterschicht" aufzufangen, was ganz und gar nicht schön klingt, doch so ist nun mal die Realität. Wir hören schließlich auch oft "Diggaaaaahh" oder "Altaaaaa", wenn wir durch die Straßen gehen. Das gehört dazu, egal wie sehr einem Autor die Vergewaltigung seiner Sprache wehtut, und ist daher - soweit man unsere Welt als Schauplatz verwendet - kaum zu vermeiden.

Vor allem reden wir alle aber auch oft recht platt und in unvollständigen Sätzen. Reden alle Figuren geschwollen, werden sie nicht authentisch wirken. Also: Spricht gerade ein Ausländer, der neulich Deutsch gelernt hat, dann lass ihn Fehler machen; spricht gerade ein Akademiker, der mit seinem Wortschatz prahlen möchte, so lasse ihn viele Fremdwörter benutzen; spricht jemand, der gerade stinksauer ist, dann lass ihn fluchen. Doch gleich, was die Leute mitzuteilen haben – lass sie nicht ihre Signatur verlieren. Man sollte, wenn ein Schnipsel wörtlicher Rede isoliert wird, erkennen können, von wem diese Worte stammen (natürlich nicht direkt am Anfang, aber spätestens in der Mitte).



#3 Keine langweiligen Charaktere


a) Mary Sue
 
Das war eine Figur bei Star Trek, die eine Folge lang die Nerven der Zuschauer strapaziert haben soll (habe ich selbst nicht gesehen, nur davon gelesen). 
Was war nur so schlimm an dieser Figur? Die Antwort mag ebenfalls verwirren - sie war zu perfekt: Sie konnte alles ganz toll, denn sie war tugendhaft, beliebt und hat sich am Ende für die Gemeinschaft geopfert. Solche Figuren wünscht man vielleicht, selbst zu werden, doch in einem Buch sind sie langweilig und wenig authentisch, denn so perfekt ist niemand. Jeder hat seine Abgründe, seine Konflikte und seine Probleme. Problematisch an derartigen Figuren ist auch, dass die Ergebnisse ihrer Handlungen völlig vorhersehbar sind. Sie machen keine Fehler, also können sie den Leser nicht überraschen. Oftmals werden solche Figuren als Mangel an Talent des Autors oder als seine Wunschvorstellungen seiner selbst intepretiert.

Mary Sue auf maximalen Stresspegel:

Spannend kann es aber werden, wenn man eine solche Figur unerwarteten Herausforderungen unterzieht und dann an ihnen zerbrechen lässt – wie es beispielsweise bei Harvey Dent bei Batman gelöst wurde. Allerding war er nicht die Hauptfigur und ich denke, als Hauptfigur hätte er die Zuschauer einfach nur genervt. Sollte ein solcher Charakter als Hauptfigur fungieren, so muss man sich sehr gut anstellen, um den Leser bis zur ersten Erschütterung der Perfektion durchhalten zu lassen oder eben andere Charaktere, die nicht so perfekt erscheinen, parallel mitführen. 


  b) Emotionale Ergüsse:


Ich bin Menschen begegnet, die stundenlang ohne Pause ihre Gefühle niederschreiben konnten. Diese Schreibwütigkeit (oder Eigenberichtwütigkeit) mündete gelegentlich in den Versuch, Bücher zu schreiben, doch ich kenne kein einziges Buch, das so aufgebaut ist, vermutlich kennt es kaum jemand, denn solche Bücher haben meistens wenig Hoffnung auf Erfolg. Sie haben sich einfach nicht durchgesetzt außer vielleicht "Die Leiden des jungen Werther", aber er ist kein Maßstab in diesem Jahrhundert mehr.
Das liegt daran, dass emotionale Ergüsse den Leser langweilen oder schlimmer noch - nerven. Was dich  bewegt und was du immer wieder verbal aufrollen kannst, hat manch ein Leser nach drei Sätzen kapiert und möchte auch auf den nächsten 50 Seiten nicht daran erinnert werden. Hand aufs Herz – das Problem mit meinen gedanklichen Ergüssen habe ich auch und habe im ersten Band sicherlich 50 Seiten bei der abschließenden Überarbeitung herausgekürzt, weil meine Gedanken abgeschweift sind, ohne etwas zur eigentlichen Handlung beizutragen. Im Lektorat gingen weitere Dutzende Seiten drauf, weil diese Gedanken nicht handlungstreibend waren. 
Die Gedanken der Figuren müssen nachvollziehbar sein, um zu begreifen, was sie antreibt, doch zu viel davon ruiniert den Lesefluss und im Zweifel wird man den Leser nerven.



#4 Vielfältige Charaktere


a) Kontrasteffektmethode


Was eine Handlung spannend macht, sind verschiedene Charaktere mit verschiedenen Eigenschaften sowie Interessen. Nicht nur, weil der Leser sonst Gefahr läuft, sie zu verwechseln, sondern auch, weil Gegensätze die Details betonen. So habe ich ein Tutorial über die Kontrastmethode geschrieben (weiter unten im Blog), wo ich die Gegensätzlichkeiten der Charaktere nutze, um besondere Eigenschaften der Figuren zu betonen. So erspart man sich unnötige Beschreibungen der Charaktereigenschaften, die phantasieraubend sind. Der Leser kann sich selbst eine Meinung bilden und das sollte man ihn auch lassen. Du lässt dir doch auch ungern erzählen, wie du Person X zu finden hast.

Ich selbst schreibe bei Verfall überwiegend in der dritten Person Singular und einem Erzähler, der in die Gedanken einzelner Personen hineinsehen kann. Meistens beschreibt der Erzähler, was Hanna denkt und fühlt. Die Gedanken der anderen Figuren bleiben dabei unklar. So kann der Leser die Reaktionen, die Hanna wahrnimmt, selbst bewerten. Hannas Interpretation der Ereignisse wird zwar serviert, doch das bedeutet noch lange nicht, dass sie Recht hat.

Beispielhaft rolle ich nochmal kurz meine Figuren auf:

Hanna vs. David: Hanna ist emotional distanziert und meidet Nähe, während David darunter leidet, weil er sich eine emotionale Annäherung erhofft. Das ist am Anfang ihr zentraler Konflikt. Ansonsten haben die zwei auch viele Gemeinsamkeiten, weshalb sie Freunde werden konnte.

Ein anderes Beispiel`: Hanna vs. Leonie
Hanna
Leonie
Findet leicht Freunde und wird als attraktiv wahrgenommen
Keine Freunde, unscheinbar
selbstbewusst
selbstverachtend
Hat Gefühle für David, doch will sie sich nicht eingestehen
Hat Gefühle für David und ist bereit, alles zu tun, um ihm für sich zu gewinnen

Noch ein Beispiel in meinem vorherigen Tutorial dazu.


b) Zentrale Konflikte und Persönlichkeitsprofile


Es gibt noch einen Grund, die Figuren nicht zu ähnlich zu gestalten, nämlich die Generierung zentraler Konflikte, die ich in einem späteren Beitrag erklären werde.
Figuren, die sich zu ähnlich sind, können kaum zentrale Konflikte generieren. Erklären lässt sich das an einem ganz einfachen Beispiel: Angenommen, Fleisch steht grundsätzlich auf deinem Speiseplan. Du begegnest einem Veganer. Wie wird das Gespräch über dieses Thema verlaufen? Es kann eine tolerante Lösung geben, es kann sein, dass der eine den anderen zu seiner Lebensweise bekehrt oder sie schlagen sich die Köpfe ein. Egal wie es ausgeht – dieser Begegnung wird ein Konflikt zugrunde liegen. Wie sich der Konflikt schließlich auflöst, darf der Leser dabei interpretieren. Es wird Spannung erzeugt. Treffen sich zwei Fleischesser, werden sie nichts zu beredet haben. Sie werden beide in die Dönerbude gehen und höchstens die Frage in den Raum werfen, ob Hähnchen oder Lamm besser schmeckt. Ohne Konflikt gibt es nämlich keine Diskussion und somit keine Entwicklung.
Ein ebenso gutes Beispiel hierbei ist: Treffen sich ein Atheist und ein Theologiestudent. Ich als Agnostikerin habe tatsächlich solche Begegnungen gehabt. Manchmal hat es richtig gekracht, manchmal hat man versucht, mich mit vielfältigen Argumenten zu bekehren und manchmal tauschte man Meinungen aus, ohne überzeugen zu wollen und war dannach dankbar für das aufschlussreiche Gespräch. Daher sind solche Gegensätze nicht nur dafür geeignet, um zentrale Konflikte zu generieren, sondern auch um interessante Freundschaften zu schließen, in denen einzelne Figuren durch ihre verschiedenen Blickwinkel von einander profitieren, denn nur durch Entdeckung dessen, was wir nicht kennen, entwickeln wir uns weiter ;)


#5 Charaktere und das außergewöhnliche Ziel

 
Oft wird empfohlen, den Figuren ein außergewöhnliches Ziel zu geben, das sie unbeirrbar verfolgen. Das muss aber nicht gerade authentisch wirken und kann dazu führen, dass die Figuren zu flach ausfallen, denn ohne Sinneswandel entstehen schnell eindimensionale und langweilige Persönlichkeiten. Wieso erschafft man keine  Chraktere, die an sich zweifeln, die ohne Ziel losziehen und plötzlich Ziele entwickeln? Ein gutes Beispiel ist Han Solo aus Star Wars, der anfangs lediglich Geld als Schmuggler verdienen möchte. Gesetz und Ehre interessieren ihn wenig, die Rebellion bedeutet ihm nichts, doch mit der Zeit entwickelt er seine Ideale und riskiert Kopf und Kragen dafür. Solche Figuren brauchen aber meistens jemanden, der in dieser Ideologie bereits steckt oder ein auslösendes Ereignis. Star Wars hat diese Idee übrigens nochmal bei Jin in Rogue One aufgegriffen, denn zu Beginn will sie mit der Rebellion nichts zu tun haben.  Figuren ohne ein anfängliches Ziel funktionieren also sehr wohl, sind sogar spannender und tiefer als der Idealist, der gegen ein paar Widestände kämpft, um am Ende ans Ziel zu kommen oder auf dem Weg zu sterben. Daher begreife ich nicht recht, wieso man solche engspurigen Empfehlungen vertritt.






Das waren meine Tipps zur Konstruktion von Figuren in literarischen Werten. Sind weitere Tutorials erwünscht, bitte ich um Rückmeldung :)
Bei Instagram unter @aprilnierose findest du mehr über meine geplante Buchreihe und wie das Schreibprozess so weit voranschreitet.



Vielen Dank für das Lesen und viel Erfolg beim Verfassen deines eigenen Werks!


April Nierose

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